4. Adventsfenster

Nach Otfried Preußler, mit Bildern von Christiane Hansen
Auf den Feldern und Wiesen lag mindestens ein halber Meter hoch Schnee und in den Wäldern klirrte der Frost. Im Stall räkelte sich ein kleines Eselchen, das erst vor kurzem zur Welt gekommen ist. Seine Eselmama wärmte es mit ihrem Atem und zum Einschlafen erzählte sie ihm Geschichten. Am liebsten hörte es die Geschichte von jener Eselin, die vor vielen, vielen Jahren in einem Stall bei Betlehem gemeinsam mit einem Ochsen das liebe Jesuskind mit ihrem Atem gewärmt hatte. Als das kleine Eselchen eines morgens erwachte, war seine Eselmama nicht im Stall bei ihm. Verunsichert sah es sich um, es spitze seine Ohren – und auf einmal erblickte es jemanden in der Stalltüre stehen. Es war ein kleiner Engel, mit einer dicken Pudelmütze auf dem Kopf, einer warmen Jacke und Hose und einem kuscheligen Schal um den Hals. Seine Füße waren nackig. Der kleine Engel sprach zum Eselchen:“ Suchst du deine Mama? Die ist doch im Stall zu Betlehem bei der Krippe und wärmt dort das kleine Jesuskind mit ihrem Atem. Es ist nicht weit dorthin. Soll ich dir den Weg zeigen?“ Natürlich wollte das Eselchen auch dorthin und so machten sich die beiden sogleich auf den Weg. Nach einer Weile begegneten sie Kindern, die vom Schlittenfahren kamen und wissen wollten, wohin das Eselchen und der kleine Engel unterwegs waren. „ Wir wollen zum Stall von Betlehem und das liebe Jesuskind besuchen! Wollt ihr auch mitkommen? IAH“ sagte das Eselchen. Kaum hatten die Kinder das gehört, wollten sie mit. Auch zwei Mütter und eine Oma, die in der Nähe standen, schlossen sich ihnen an. Als sie durch das Dorf kamen, schaute die Bäckersfrau zu ihrem Fenster raus und fragte:“ Wo wollt ihr denn alle hin?“ „ Wir wollen zum Stall von Betlehem und das liebe Jesuskind besuchen! Wollt ihr auch mitkommen? IAH“ antwortete das Eselchen. Sofort schlossen sich die Bäckersfrau, ihr Mann und der Bäckersjunge der Gruppe an und folgten ihnen. Gemeinsam wanderten sie weiter und trafen auf einem Feld einen Hirten mit seinen Schafen, die von zwei Hunden beschützt wurden. Der Hirte fragte auch, wo sie denn alle hinwollten – das Eselchen, der kleine Engel, die Kinder, die Mütter, die Oma, die Bäckersfrau, ihr Mann und der Lehrling? „ Wir wollen zum Stall von Betlehem und das liebe Jesuskind besuchen! Wollt ihr mitkommen? IAH“ antwortete das Eselchen. So schloss sich auch der Hirte mit seinen Schafen und Hunden der Gruppe an. Am Abend kamen sie durch eine Stadt. Hier hatten es viele Menschen eilig, sie hasteten vorbei und niemand beachtete die Gruppe. Nur die Würstelfrau in ihrem Wurststand und der Herr Wachtmeister an der Ecke bemerkten das Eselchen, den kleinen Engel, die Kinder, Mütter, die Oma, die Bäckersfrau mit ihrem Mann und dem Lehrling, den Hirten, seine Hunde und Schafe. Neugierig fragte die Würstelfrau:“ Wohin seid ihr unterwegs?“ „ Wir wollen zum Stall von Betlehem und das liebe Jesuskind besuchen! Wollt ihr mitkommen? IAH“ antwortete ihr das Eselchen. Und so kamen auch die Würstelfrau und der Herr Wachtmeister mit. Es wurde dunkler und in der Nacht durchquerten sie einen verschneiten Wald in dem viele Tiere wohnten. Ein Reh, ein Fuchs, zwei Eichhörnchen und drei Hasen spitzten hinter den Baumstämmen hervor. Das Eselchen sagte zu ihnen: „ Wir wollen zum Stall von Betlehem und das liebe Jesuskind besuchen! Wollt ihr mitkommen? IAH“ Da kamen sie alle mit, auch der Oberförster und sein Dackel, die zufällig vorbeikamen. Da sahen sie hinter dem Hügel einen hellen Stern am Himmel leuchten. Mit jedem Schritt wurde es heller und heller. Über einem Stall schwebten Engel. Sie sangen wunderschöne Lieder und musizierten mit ihren Geigen, Flöten, Glöckchen und Posaunen. Nun standen sie vor der Krippe: das Eselchen, der kleine Engel, die Kinder, Mütter, die Oma, die Bäckersleute, der Hirte, mit seinen Tieren, die Würstelfrau, der Herr Wachtmeister, die Tiere aus dem Wald, der Herr Oberförster und sein Dackel. Sie hörten die Engel singen und jubilieren, sie sahen das liebe Jesuskind in der Krippe – und alle, alle beugten in Ehrfurcht das Knie und es wurde ihnen warm ums Herz. Neben Maria und Josef, den Eltern vom Jesuskind, und einem fremden Ochsen stand auch noch die Mama vom kleinen Eselchen neben der Krippe und wärmte mit ihrem Atem das Jesuskind – genauso wie sie es mit ihrem kleinen Eselkind auch gemachte hatte. Da staunte das kleine Eselchen. War die Geschichte von seiner Eselmama nicht schon viele tausend Jahre alt? Die Geschichte vom Gotteskind im Stall von Betlehem? Da sprach der kleine Engel:“ Das Wunder von Betlehem wiederholt sich an jedem Weihnachtsabend! Du siehst ja, zum Stall von Betlehem ist es gar nicht weit.“ Dann führte der kleine Engel das Eselchen zu seiner Eselmama. Dort kuschelte es sich zu ihren Füßen in das Stroh, und schlief glücklich ein.









