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Das Adventsfenster

Adventsfenster
Datum:
Veröffentlicht: 29.11.21
Von:
Carina Lembach
Zum 1. Advent gibt es eine schöne Geschichte von Luise Büchner. Das Tannenbäumchen. Die Geschichte kann man sich auch vorlesen lassen, wenn man den QR-Code scannt.
Adventsfenster

Das Tannenbäumchen

"Es war einmal ein schöner großer Garten, in dem standen eine Menge Bäume, welche alle die herrlichsten Früchte trugen. Auf dem einen wuchsen Kirschen, auf dem andern Birnen, auf dem dritten Äpfel und noch andere Sorten, aber bei allen gab es etwas zu naschen vom Frühjahr bis zum Herbst und die Kinder, die in dem Haus wohnten, zu dem der Garten gehörte, hatten die Bäume sehr lieb.

Nun war es wieder einmal Frühling und der Garten stand da in seinem schönsten Schmuck. Die Kirschbäume waren anzusehen, als wären sie mit Zucker bestreut, die Apfelbäume waren mit weißen Blüten ganz überschüttet.

Mitten zwischen all der Pracht stand ein kleiner Baum, für den schien kein Frühling gekommen zu sein, denn starr und dunkelgrün streckten seine Nadeln sich hinaus und auch nicht die kleinste weiße oder rote Blüte war daran zu sehen.

Das Bäumlein aber war trotz seiner Armut ganz zufrieden, freute sich am Gezwitscher der Vögel und dachte nicht daran, wie unscheinbar es aussah.

Darüber ärgerten sich die schön geschmückten Bäume und ein hochmütiger Kirschbaum fing auf einmal an und sprach: "Es ist ein rechte Glück, wenn man hübsch aussieht und auch zu etwas gut ist in der Welt! Was habe ich jetzt für feine, weiße Blüten und wenn diese abgefallen sind, dann kommen die frischen, grünen Blätter und zuletzt die prächtigen, roten Kirschen, an denen die kleinen und großen Leute ihr Vergnügen haben. Ach, wie froh bin ich, dass ich nicht so ein einfältiger Tannenbaum geworden bin, wie derjenige hier neben mir, der doch zu nichts auf der Welt gut ist, als um uns den Platz zu versperren!"

"Du hast Recht", rief ein Birnbaum, "Dein Nachbar ist mehr als überflüssig im Vergleich zu uns. Von meinen saftigen Birnen will ich noch gar nicht reden, aber welchen prächtigen Schatten gebe ich im Sommer. Nicht einmal vor der Sonne vermag der einfältige Tannenbaum zu schützen."

Und nun fingen alle Bäume zugleich an, auf die arme Tanne zu schimpfen, und lobten dabei unaufhörlich ihre eignen Früchte, sowie den Nutzen, den diese brächten.

Drüben über dem Bach war ein Wald voll schöner Buchen und Eichen; auch diese fingen an mitzuspotten. Eine dicke Buche rief: "Wenn wir auch keine so süßen Früchte tragen, wie die Obstbäume, so sind wir doch gleichfalls von dem allergrößten Nutzen. Im Sommer geben wir kühlen, prächtigen Schatten und im Winter heizen wir die Zimmer ein, wenn es draußen stürmt und schneit, denn wir haben gutes, festes Holz. Nebenbei sind unsre kleinen Früchte auch gar nicht zu verachten; man presst daraus gutes Öl, in dem man Pfannkuchen backen kann, die sehr gut zu den gekochten Kirschen und Pflaumen schmecken!"

"Nun, bist Du bald fertig?" fing eine Eiche neben ihr an. Ich bin die deutsche Eiche und ein poetischer Baum. Wo es irgend ein Fest gibt, macht man aus meinen Blättern Kränze, ich komme in Millionen Gedichten vor. Mit meinen Eicheln mästet man Schweine und es gibt genug Leute, die essen lieber ein gutes Stück Schweinebraten, als Kirschen und Birnen!"

Endlich ging die Sonne unter; die Vögel suchten ihr grünes Quartier auf und wollten ihre Ruhe haben, so wurden die Schwätzer dann stiller und stiller und als der goldne Mond langsam herauf stieg, lag alles im tiefsten Frieden. Nur ein Baum konnte nicht ruhen und schlafen, das war der Tannenbäumchen. Es war so betrübt, dass es gern bittere Tränen vergossen hätte, wenn es ein Mensch und kein Baum gewesen wäre.

Wie es nun so dastand in seiner Betrübnis, da ward es auf einmal vor ihm ganz hell und licht und wie aus der Erde gewachsen, schwebte auf dem grünen Rasen ein wunderschöner Engel. Der hatte ein langes, schneeweißes Gewand, weiße Flügel an den Schultern, auf dem Kopfe trug er einen Kranz von den schönsten Rosen und darüber hin hing ein langer Schleier, der glänzte wie gesponnenes Silber.

Es war niemand anderes als unser liebes Christkind, welches alles mit angehört und angesehen hatte. Das arme und bescheidene Tannenbäumchen tat ihm in tiefster Seele leid und darum kam es jetzt zu ihm geflogen und sagte mit seiner süßen Stimme:

"Tannenbäumchen, ich weiß es recht gut, was Dir fehlt; die bösen Bäume hier haben Dich ausgelacht, weil Du nicht so schön bist wie sie. Aber warte nur, bald sollst du schöner sein als sie alle. Wenn der Winter kommt und Schnee und Eis auf der Erde liegt und all die Bäume hier kahl und entlaubt stehen, dann sollst Du süßere und buntere Früchte tragen als Kirschen, Birnen und Äpfel und die Kinder werden sich mehr über Dich freuen und Dich lieber haben, als alle andern Bäume auf der Welt!"

Nachdem das Christkind dies gesagt, war es gerade so schnell wieder verschwunden, als es gekommen und nur der liebe alte Mond warf noch goldne Strahlen auf die stille Welt.

So vergingen Sommer und Herbst, die Bäume hatten nach und nach all ihre Früchte hergegeben und der Winter kam mit raschen Schritten heran. Wohl hatten sie noch manchmal das Tannenbäumchen ausgelacht, aber es machte sich nichts mehr daraus und dachte immer nur an das, was das Christkindlein ihm versprochen hatte. Bald war an dem Apfel- und Birnbaum kein Blättchen mehr zu sehen, die Eichen und Buchen streckten ihre nackten Arme zum Himmel empor und froren erbärmlich, aber es half nichts - es war eben Winter und sie mussten sich von dem kalten Nordwind nach allen Seiten hin und her zausen lassen. Unser Tannenbäumchen hielt sich wacker, es blieb so grün und frisch wie im Sommer und wartete in Geduld bis seine Zeit käme.

Auf einmal, in einer langen, dunklen Nacht, da ward es wieder ganz hell und licht und das Christkind stand wieder neben dem Bäumchen und sagte: "Ich bin da, um mein Wort zu halten. Nun sollst Du einmal sehen!"

Neben dem Christkind im Schatten stand Nikolaus, der hielt seinen großen Sack mit beiden Händen auseinander und das Christkind griff hinein und wieder hinein und überschüttete das Bäumchen mit goldenen Nüssen und Äpfeln, mit köstlichem Zuckerwerk, mit Rosinen und Mandeln, mit funkelnden Perlen und silbernen Sternen, so dass es schöner und bunter glänzte, als je ein Baum zuvor.

Dann steckte der Nikolaus brennende Kerzchen an die Zweige der Tanne, da leuchtete es fast so hell wie die Sternlein an dem dunklen Nachthimmel über ihm. Wie nun alles fertig war, klingelte das Christkind laut und lange mit seiner silbernen Schelle, dass alle Bäume und Sträucher rings umher aufwachten, sich verwundert umsahen und nicht wussten, woher auf ein mal all der Glanz und die Pracht kam.

"Seht hierher, Ihr Necker und Spötter!" rief nun das Christkind mit lauter Stimme, "der herrlich geschmückte Baum vor euch, das ist das Tannenbäumchen, das ihr verspottet und gekränkt habt und das nun schöner ist, als je einer von euch gewesen ist. Jetzt nehme ich es mit mir, wohin Ihr niemals kommt, in warme, geschmückte, helle Stuben und zu fröhlichen Menschen. Alt und Jung wird sich an seinem Anblick erfreuen und die Kinder werden es am liebsten von allen Bäumen haben!"

Damit nahm Christkind das Bäumchen in die Hand, breitete seine Flügel aus und fort war es, ehe sich die erstaunten Bäume von ihrer Verwunderung erholen konnten. Ganz verdutzt blickten sie dem hellen Streifen nach. Wohin aber das Christkind das Tannenbäumchen trug, das brauche ich euch nicht zu sagen, denn das wissen alle Kinder, die eines zu Weihnachten bekommen.

Luise Büchner, 1821 - 1877

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